Süddeutsche Zeitung, 12.04.2007

„Sei froh, dass du in Deutschland bist, in Äthiopien wärst du vielleicht schon tot“ / Bis vor kurzem musste der 37 Jahre alte Äthiopier Debru Zewdie Ejeta mit seiner Abschiebung rechnen – nun darf er voraussichtlich bleiben

Neuburg – Zehn lange Jahre hat Debru Zewdie Ejeta vergeblich auf diesen Tag gewartet. Und dann, als er stündlich damit rechnet, abgeschoben zu werden, klingelt bei seiner Anwältin das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf bei Nürnberg. Es teilt mit, dass dem Äthiopier Abschiebeschutz gewährt wird. Dass ihm in der afrikanischen Heimat womöglich die Folter droht, will nun auch das Bundesamt nicht mehr ausschließen. „Jetzt hat er erst mal eine Duldung für einen Monat, und sobald das Schreiben der Anwältin mit Debrus Rechtsmittelverzicht beim Ausländeramt in Neuburg an der Donau angekommen ist, bekommt er eine Aufenthaltserlaubnis“, sagt Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat.

Noch kurz zuvor sah alles danach aus, als stünde Debru Zewdie Ejeta Schlimmstes bevor. Dünnwald wich dem schmächtigen Mann in dieser Zeit nicht von der Seite. Die Dramatik der zurückliegenden Tage wird der Soziologe nicht so schnell vergessen. Bei der Erinnerung an einen der zurückliegenden Besuche im Neuburger Ausländeramt läuft vor Dünnwalds Augen ein Film ab: Ejeta öffnet zögernd die Tür zum Landratsamt. Er befürchtet seine Festnahme noch im Amtsgebäude. Am Tresen der Abteilung Ausländerwesen stehen sich zwei Welten gegenüber. Auf der einen Seite der Sohn eines äthiopischen Bauern aus der unterdrückten Volksgruppe der Oromo. Er hat keine gültigen Papiere vorzuweisen.

Bürokratie und Tränen

Auf der anderen Seite stehen zwei bayerische Beamte, die in Ejeta jemanden ausgemacht haben, der sich nur unwillig an der Beschaffung von Heimreisedokumenten beteiligt. Der Ton ist gereizt: „Muss man Sie denn noch 25 Mal vorwarnen, dass Ihre Zeit in Deutschland zu Ende geht?“, bekommt der 37-Jährige zu hören. Debru Zewdie Ejeta blickt wie erstarrt auf die Grenzübertrittsbescheinigung, die ihm die Beamten übergeben haben – sie ist auf drei Tage befristet. Dann soll er sich wieder melden. Eine Grenzübertrittsbescheinigung dient nur einem Zweck: Ausgewiesene Ausländer sollen sie am Grenzübergang abgeben, um zu dokumentieren, dass sie aus Deutschland ausgereist sind.

Draußen vor der Tür, erinnert sich Dünnwald, gehen Ejeta die Nerven durch. Er ringt mit den Tränen. Er will nicht enden wie sein Cousin, der 1995 in Äthiopien von bewaffneten Männern abgeholt wurde und vermisst ist. Wie oft zuvor hält sich der 37-Jährige in diesem Augenblick an dem Rest Hoffnung fest, der ihm noch bleibt. Alle bisherigen Versuche, sich gerichtlich die Bewilligung seines Asylantrags zu erkämpfen, waren ebenso erfolglos geblieben, wie die Bemühungen, die Zeit in Deutschland sinnvoll zu nutzen. Ejeta durfte weder arbeiten noch studieren, obwohl er gut Deutsch spricht. Das hat ihn zermürbt. Er leidet unter Schwindelgefühlen, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlaflosigkeit.

Die äthiopische Regierung hat den ins Ausland geflohenen Oppositionellen verstärkt den Kampf angesagt. Die Auslandsvertretungen sollen „konkrete Informationen über die Vereinigungen und Gruppierungen sammeln“, heißt es in einer offiziellen Anweisung. Es gehe darum, Oppositionsführer und deren Anhänger ausfindig zu machen, um „das radikale Oppositionslager zu schwächen“.

Im Sinne des Regimes ist Ejeta ein Mitglied dieser verhassten „radikalen Opposition“. In seiner Heimat war er zwar kein Oppositionsführer, aber er wusste bereits als Kind, was es heißt, Oromo zu sein. Lange Zeit war es der größten Volksgruppe Äthiopiens verboten, die eigene Sprache zu sprechen. Zum Jahreswechsel 1984/85 wurde das Dorf niedergebrannt, in dem Ejetas Familie lebte. Die Zwangsumsiedlung erfolgte im Auftrag des Militärregimes unter Major Mengistu Haile Mariam. An der Vertreibung zerbrach die Familie, Debrus Vater verließ Frau und Kinder.

„Ich selbst ging nach Addis Abeba“, erinnert sich Ejeta. Dank seiner guten Noten konnte er dort das Studium der Geologie aufnehmen. Durch die Erlebnisse in seiner Kindheit fühlte er sich zur Oromo Liberation Front (OLF) hingezogen, warb – zumindest in der kurzen Zeit, in der die OLF 1991 an der Regierung beteiligt war – unter den Studenten für deren Ziele: die politische und gesellschaftliche Emanzipation der Oromo. Damals bereits bekam er erste Drohungen durch Sicherheitskräfte. Dann verschwand sein Cousin spurlos. Ejeta wusste, es war Zeit für ihn zu gehen.

„Sei froh, dass du in Deutschland bist, in Äthiopien wärst du vielleicht schon tot“, trösten ihn Freunde aus der Heimat. Ejeta sagte sich diesen Satz oft selber vor, auch wenn er sich im Gastland wie gejagtes Wild vorkam. Er hatte keine Papiere außer der Grenzübertrittsbescheinigung. Jeder Gang auf die Straße, erst recht eine Zugfahrt nach Ingolstadt oder nach München, war überschattet von Angst, sie schnürte ihm den Hals zu.

Dennoch wagte er für seine und die Rechte seiner Freunde zu kämpfen: Im Mai 2005 beschwerten sich Asylbewerber in Neuburg in einem Brief an den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen über ihre untragbaren Lebensbedingungen. Ejeta war bereit, seine Anschrift aufs Briefkuvert zu setzen – nicht als Rädelsführer, sondern als einer, der für seinesgleichen den Kopf hinhält. Als Ejeta wenige Tage vor dem befreienden Anruf des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge das Neuburger Amt für Ausländerwesen verließ, fröstelte ihm – trotz der Frühlingssonne. Mit Stephan Dünnwald ging er die wenigen Schritte vom Landratsamt zu seinem 16-Quadratmeter-Zimmer, wo er seine Reisetasche packte, um bei Freunden in München zu übernachten – aus Angst, noch in der Unterkunft festgenommen zu werden.

Ejeta erscheint dies nun alles wie ein böser Traum. „Er ist seit dem Anruf wie ein anderer Mensch, er macht bereits Pläne für seine Zukunft“, sagt Dünnwald erleichtert. Bald schon wird sich der 37-Jährige eine Arbeit suchen dürfen, eine eigene Wohnung. Doch selbst wenn er dort die Tür hinter sich schließt, wird sie nicht draußen bleiben: die Erinnerung an zehn Jahre voller Angst.

Dietrich Mittler